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August 2012

Tiefenökologie

Der Mensch hat das Netz des Lebens nicht gewebt, er ist lediglich ein Faden darin.“

Tiefenökologie ist ein Verständnis der Welt, und ein Verständnis unserer Rolle in dieser Welt. Obwohl erst vor wenigen Jahrzehnten so formuliert wie sie heute bekannt ist, ist tiefenökologische Philosophie keine Idee der Moderne. Vielmehr hat sie ihre Wurzeln dort, wo Menschen selbst ihre Wurzeln haben: In einem Dasein inmitten von Natur, inmitten eines Miteinanders mit Natur, geprägt von Vertrautheit, Respekt, Dankbarkeit. Besonders eindrucksvoll kommt das indianischen Worten zum Ausdruck. So heißt es in dem bekannten Ausspruch, der Chief Seattle zugeschrieben wird: "Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig. Jede glänzende Kiefernnadel, jeder lichte Nebel in dunklen Wäldern, jede Lichtung und jedes summende Insekt ist heilig in der Erinnerung und der Erfahrung meines Volkes."Tiefenökologie erinnert an diese Verbundenheit. Sie wirkt der inneren und äußeren Entfremdung des Menschen entgegen - von sich selbst, seinen Mitmenschen und seiner natürlichen Heimat, der Erde. Einer Entfremdung, die uns Menschen im Laufe der vergangenen Jahrhunderte zu einem Weltsystem geführt hat, bei dem wir heute auf einer intuitiven Bewusstseinsebene ahnen und spüren: Etwas sehr Grundsätzliches stimmt nicht mehr, ist nicht mehr im Gleichgewicht.

 

 

 

Am Anfang der Tiefenökologie steht Tiefes Fragen, Tiefes Hinterfragen. Ihren historischen Anfang hatte die tiefenökologischen Philosphie in den 1970er Jahren. Der norwegische Philosoph Arne Naess formulierte den Begriff der „Tiefen Ökologie“ in Abgrenzung zur „flachen“, oberflächlichen Umweltbewegung, die in seinen Augen nicht die grundsätzlichen Prämissen unserer Welt- und Gesellschaftsordnung hinterfragte. Ihm ging es um die Werte, die Ziele, das tiefe Warum unserer täglichen Handlungen im Kleinen und im Großen.Gleichzeitig steht das Tiefe Hinterfragen am Anfang jeder individuellen Reise in die Tiefenökologie: Fragen nach dem, was uns wahrhaft erfüllte Momente schenkt. Danach, welche Rolle unsere Mitmenschen, die Lebewesen und Daseinsformen um uns herum dabei spielen. Und danach, was uns für uns selbst und für sie wirklich am Herzen liegt. Tiefes Hinterfragen ist nicht auf die rein persönliche Ebene beschränkt. Vielmehr richtet es sich unweigerlich genau so an kulturelle, gesellschaftliche, politische, ökonomische Aspekte. Herrschende Paradigmen werden hinterfragt. Aus „tieferen Einsichten“ werden konkrete Ansätze für ein neues System abgeleitet.

 


Die tiefenökologische Sicht der Dinge ist eine, in der die Verbundenheit, die Verflechtung aller Wesen im Mittelpunkt steht. Keines ist isoliert in diesem riesigen Netz, keines getrennt von anderen: So ist der Mensch, der Sauerstoff ein- und Kohlenstoff ausatmet untrennbar von dem Baum, der den ausgeatmeten Kohlenstoff in neuen Sauerstoff wandelt. Im Ausatmen des einen ist bereits das Einatmen des anderen bedingt. Keiner lebt ohne den anderen, keiner ist wichtiger oder weniger wichtig, wertvoller oder weniger wertvoll als der andere, dem anderen über- oder untergeordnet.

 


Der „innere Weg“ ist es hier, diese Verbindung mit allem Existierenden zu begreifen. Wir können uns selbst in anderen Lebewesen erkennen; wir können sie in uns zu erkennen und uns mit ihnen zu identifizieren. Mit der Identifikation treten wir bewusst ein in das Netz des Lebens. Wir erkennen uns als Faden darin. Wir begreifen, dass wir nicht mehr als isolierte Einheiten einer von uns getrennten Welt gegenüberstehen, gegen die wir uns behaupten müssen. Sondern wir können im tiefenökologischen Bewusstsein ganz selbst-los teilnehmen am bunten Tanz des Lebens. Satish Kumar beschreibt ihn mit den Worten: „Arten sind nicht im Wettkampf ums Überleben miteinander. Arten sind in einem fortwährenden Tanz der Gegenseitigkeit, Wechselseitigkeit und Verbundenheit miteinander.“Dieses Gefühl der Verbundenheit, ja, der Einheit mit unserer Mitwelt ist eine neue Form der Erfahrung und des Bewusstseins. Von diesem Bewusstsein getragene Entscheidungen folgen ganz intuitiv und ohne starre Denkschemata dem kollektiven Fluss des Lebens - dem gleichen Fluss, dem andere Lebewesen folgen, wenn sie in ihren Umwelten ökologische Gleichgewichte entwickeln.


So wenig wie das Folgen dieses Flusses in Gedanken und Worten beschrieben werden kann, so wenig besitzt auch die tiefenökologische Bewegung fest formulierte Regeln. Vielmehr führt die tiefenökologische Perspektive ganz natürlich zu Wünschen und Vorstellung gegenüber einer erfüllten und ausgeglichenen Lebensweise. Häufig damit in Verbindung gebracht werden Positionen, die von Arne Naess in der Tiefenökologischen Plattform zusammengefasst sind.

 

Die Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie bietet in Deutschland Erfahrungs- und Lernprozesse an, die tiefenökologische Bewusstseinsbildung und ihre Umsetzung im Alltag näher bringen. Seit ihrer Gründung arbeitet sie eng mit Joanna Macy zusammen, einer der zentralen EntwicklerInnen der zeitgenössischen Tiefenökologie. Eine Gruppe von Erd-Charta BotschafterInnen hatte im April 2012 die Gelegenheit, im Ökodorf Siebenlinden (siehe www.siebenlinden.de) an einem Seminar zu Erd-Charta und Tiefenökologie teilzunehmen (siehe Erd-Charta-Seiten 133, Seite 18).


Zum Weiterlesen:

http://www.tiefenoekologie.de – Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie

http://home.ca.inter.net/~greenweb/DE-Platform.html  – Die tiefenökologische Plattform von Arne Naess (englisch)

http://www.joannamacy.net/ – Website von Joanna Macy (englisch)

 


 

Bildnachweise:
1. Bild: http://3.bp.blogspot.com/-2rTBFZufyBw/TwvZXZ0RfMI/AAAAAAAAAC8/atceMcLur1M/s1600/mini-tree-plant-generic-hands.jpg
2. Bild: http://media.merchantcircle.com/33235956/girl%20in%20tree_full.jpeg
3. Bild: http://www.mentalsana.ch/uploads/pics/baum_mensch.jpg
4. Bild: http://www.activeremedy.org.uk/pages/files/images/Rio20_harmony_with_nature.JPG

 

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