Glokale Ideenwerkstatt Erd-Charta-Stadt Warburg und Region
Immer am 1. Mittwoch des Monats tagen wir online!
mehr infos

Erd-Charta-Austausch 2.0 - virtueller Erd-Charta-Stammtisch
Safe the date: jeden 4. Donnerstag im Monat
mehr Infos

Februar 2012

Vandana Shiva und die neun Saaten
» mehr Info

März 2012

Solidarische Landwirtschaft – sich die Ernte teilen!
» mehr Info

April 2012

Thich Nhât Hanh - Achtsamkeit üben
» mehr Info

Juli 2012

Guerilla Gardening
» mehr Info

August 2012

Tiefenökologie
» mehr Info

September 2012

Für eine Entwicklung ohne Öl – Indigener Widerstand im ecuadorianischen Amazonasgebiet
» mehr Info

» News-Archiv
» Veranstaltungen

 

 

September 2012

Für eine Entwicklung ohne Öl – Indigener Widerstand im ecuadorianischen Amazonasgebiet

Erd-Charta Grundsatz 12b.
Das Recht indigener Völker auf eigene Spiritualität, Kenntnisse, Ländereien und Ressourcen und ihren damit verbundenen nachhaltigen Lebensunterhalt bestätigen.

Haus in SarayakuDie indigene Gemeinschaft von Sarayaku leistet seit Jahrzehnten geschlossen und kraftvoll Widerstand gegen das Eindringen transnationaler Ölkonzerne in ihr Gebiet. Sarayaku liegt mitten im Amazonasgebiet in Ecuador. Für einen Teil seines Landes hat der Staat Konzessionen für die Ölförderung an ausländische Konzerne vergeben. Die 2000 Kichwa, die hier leben, wurden dazu nicht konsultiert. Vielmehr hat der argentinische Konzern CGC versucht, Mädchen mit typischer GesichtsbemalungEinzelne zu bestechen und die Gemeinde zu spalten. Als dies nicht gelang, wurde die Ölprospektion mit Präsenz des ecuadorianischen Militär durchzusetzen begonnen. Die Schamanen und politischen RepräsentantInnen Sarayakus erhielten Morddrohungen, und es kam zu Menschenrechtsverletzungen. Die Pipeline, mit der das Öl an die Küste transportiert werden soll, steht schon bereit – mitfinanziert durch öffentliche deutsche Gelder der Westdeutschen Landesbank (West LB).
Gemeinschaftsfest in SarayakuDie Kichwa wissen, wie umfassend die Ölförderung den Wald, ihre Gesundheit, ihre Nahrungsgrundlagen, ihre Kultur und ihr Leben zerstören würde. Dies können sie bei anderen indigenen Völkern im Nordosten des Landes erleben, deren Leben heute von Prostitution, Straßen, Krankheiten und Entfremdung geprägt ist. Ihre nachhaltige Lebensweise und ihre Spiritualität haben Armut und Abhängigkeit Platz gemacht.
Sarayakus Widerstand gegen die Ölförderung ist von großer Entschiedenheit und Klarheit. Mit einem Marsch in die Hauptstadt bekam die Gemeinschaft bereits 1992 die Landrechtstitel für ihr Territorium. Bei akuter Bedrohung, bei Menschenrechtsverletzungen und Morddrohungen gegen ihre RepräsentatInnen wurden aktuelle Presseerklärungen an die weltweiten UnterstützerInnen gesandt. VertreterInnen Sarayakus machten Rundreisen in Europa und den USA, um über die Bedrohung durch die Ölförderung aufmerksam zu machen und sich international zu vernetzen. 
Sarayaku reichte 2003 eine Klage beim Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte in Costa Rica ein. Am 25.07.2012 wurde nun endlich gerichtlich bestätigt, das der Staat Sarayakus Recht auf Mitsprache und Zustimmung missachtet hat. Weiter heisst es, dass durch die Maßnahmen der Erdölprospektion nicht nur das Recht der Kichwa auf ein unversehrtes Leben, sondern auch ihre Land- und Selbstbestimmungsrechte verletzt wurden.
Schamane Don SabinoAußerdem wird Ecuador verpflichtet, Entschädigungszahlungen von 1,4 Millionen US-Dollar für materielle und immaterielle Schäden sowie für die Kosten des Rechtsstreits an Sarayaku zu leisten. Mögliche zukünftige Großprojekte auf dem Territorium von Sarayaku dürfen nicht ohne die freie, vorherige und informierte Zustimmung begonnen werden. Außerdem wurde zur Auflage gemacht, dass Vertreter des Militärs sowie Polizei- und Justizbeamte, die mit indigenen Personen arbeiten, zukünftig Fortbildungen zum Thema Menschenrechte erhalten müssen. Die Regierung akzeptierte das Urteil.
Damit hat Sarayaku einen wichtigen Präzedenzfall für alle indigenen Völker Lateinamerikas geschaffen. Schließlich ist die Ausbeutung von Ressourcen über die Köpfe der dort lebenden Menschen hinweg bisher eine gängige politische Praxis. Menschenrechtsverletzungen und Repression sind dabei ebenso an der Tagesordnung wie die rücksichtslose Zerstörung der Natur. Das Urteil ist somit ein wichtiges Zeichen für andere indigene Völker in Amazonien, die ebenfalls im Widerstand gegen Großprojekte, wie z.B. den Staudamm von Belo Monte in Brasilien, sind.
Patricia Gualinga aus Sarayaku (links) mit Kerstin Veigt, Erd?Charta Koordination Deutschland,auf der> UN?Konferenz zur Biodiversität 2008 in BonnEin wichtiges Merkmal für den erfolgreichen Widerstand Sarayakus ist, dass die Gemeinschaft nicht nur weiß wogegen, sondern auch wofür sie eintritt. Welche Art der Entwicklung sie will, ist eine wichtige Frage für die Gemeinschaft. Sie wird immer wieder thematisiert und auf vielfache Weise gestaltet. Mehrere Vorhaben wurden verwirklicht, über die die Kichwa ihre nachhaltige Lebensweise für die heutigen Herausforderungen aufrecht erhalten und Alternativen zur Öl-Abhängigkeit schaffen können. Mit einer bunten „Lebensgrenze“ aus Medizinbäumen kennzeichnen die Kichwa ihr Territorium, um es vor Übergriffen zu schützen. Gleichzeitig können die jungen Menschen der fünf Dörfer auf diese Weise in einer Baumschule und einem botanischen Garten Kenntnisse über traditionelle Medizin erlangen. Es ist den BewohnerInnen von Sarayaku wichtig, ihr indigenes Wissen und ihre eigene Sprache lebendig zu halten. So haben sie z.B. Schulen aufgebaut, in denen zweisprachig und plurikulturell unterrichtet wird. Dort lernen die jungen Menschen z.B. mit durch ein Solarsystem betriebenen Computern umzugehen und diskutieren Weltpolitik. Auch ihr selbstorganisierter Ökotourismus trägt dazu bei, nicht „wie auf einer Insel“ zu leben, andere Menschen für die Zusammenhänge zu sensibilisieren und die Welt nachhaltig mitzugestalten. „Wir wollen, dass das Öl in der Erde bleibt.“, sagt der junge Filmemacher Eriberto Gualinga aus Sarayaku, „aber wir haben der Welt vieles Anderes zu geben: Sauerstoff ist nur ein Beispiel.“

Zum Weiterlesen:
Interview mit Patricia und Eriberto Gualinga aus Sarayaku:
http://www.gfbv.de/inhaltsDok.php?id=611
Eigene offizielle Website von Sarayaku auf Kichwa, Spanisch und Englisch: www.sarayaku.com
Aktuelles der Unterstützungsorganisation „Oro Verde“
http://www.oroverde.de/nc/aktuelles/folgeseite.html?tx_ttnews[tt_news]=601&tx_ttnews[backPid]=4&cHash=2474263adde26f388dd5ebcc41563096
Weiteres zum Hintergrund:
http://www.gfbv.de/inhaltsDok.php?id=591

Fotos: Cristóbal Cerda und Kerstin Veigt
Bild 1: Haus in Sarayaku
Bild 2: Mädchen mit typischer Gesichtsbemalung
Bild 3: Gemeinschaftsfest in Sarayaku
Bild 4: Schamane Don Sabino
Bild 5: Patricia Gualinga aus Sarayaku (links) mit Kerstin Veigt, Erd-Charta Koordination Deutschland,auf der UN-Konferenz zur Biodiversität 2008 in Bonn



Von: Kerstin Veigt

 

nach oben