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Die grüne Gentechnik

Kolonialismus, Virus oder Utopie?

Kürzlich besuchte ich eine Informations- und Diskussionsveranstaltung von Dr. Vandana Shiva, die für ihr Engagement im Bereich Frauenrechte, Ökologie und nachhaltige Entwicklung in Indien unter anderem den „alternativen Nobelpreis“ bekam. Sie berichtete über ein Projekt, in dem in ganz Indien Saatgutbanken errichtet und dort mittlerweile über 200 verschiedene einheimische Getreidesorten aufbewahrt und zur Saat bereitgestellt werden. Kostenlos. Einzige Bedingung: Jeder Bauer, der sich was leiht, muss zwei anderen Bauern von seiner Ernte etwas als Saatgut weitergeben. Dieses Projekt ist alles andere als selbstverständlich, es wurde, wie Dr. Vandana Shiva weiter schildert, aus einer großen Not heraus entwickelt, in die sie die großen Hersteller gentechnisch veränderten Saatguts („grüne Gentechnik“) getrieben haben. Was über deren Handeln erzählt wurde, machte mich mal wieder ziemlich besorgt. Der Unterschied war diesmal allerdings, dass ich gerade die Erd-Charta gelesen hatte, die ihrer basisdemokratischen Entstehung folgend, die Meinung der Zivilgesellschaft weltweit relativ gut widerspiegelt. Ich wusste plötzlich ziemlich genau, dass ich mit meiner Besorgnis bei weitem nicht allein bin, ich konnte förmlich den Finger auf all die wunden Stellen legen, in die einige sehr mächtiger Saatguthersteller ihre manipulierten Samen gestreut hatten:

Art. 8c: „Sicherstellen, dass alle Informationen, die wesentlich und wichtig für die menschliche Gesundheit und den Umweltschutz sind, öffentlich verfügbar bleiben, auch die genetischen Informationen.“

Bei unkrollierter Kreuzung gentechnisch veränderter Pflanzen können Lizenzverletzung und hohe Mahngebüren für die Bauern gar nicht mehr vermieden werden und die Hersteller des Saatguts sind weit entfernt davon, öffentliche Institutionen zu sein. Die Nahrungsmittelsicherheit Vieler könnte so von Privatinteressen einiger Weniger abhängig gemacht werden. Die Patente auf Saatgut, die angemeldet werden, beziehen sich zudem auf hochkomplexe genetische Informationen, die kaum durch die Öffentlichkeit geprüft werden können – erst recht nicht durch jene vielen indischen Kleinbauern, denen es immernoch an ausreichenden Bildungsmöglichkeiten fehlt – , zumal die genaue Funktionsweise der DNA bis heute nicht vollständig geklärt ist. Es macht auch nicht den Eindruck, als sei man hier an Aufklärung interessiert. Als eine Forschungsorganisation in Polen Indizien dafür fand, dass Genmais für das Bienensterben verantwortlich sein könnte, wurde diese Einrichtung von dem Hersteller des Genmais einfach gekauft. Die hohen Versprechen, mit denen das Saatgut an Bauern in Indien verkauft wurde, haben sich jedenfalls größtenteils nicht bewahrheitet.

Art. 5d: „Standortfremde oder genetisch manipulierte Organismen kontrollieren und entfernen, wenn sie einheimischen Arten oder der Umwelt schaden; die Ansiedlung derartiger schädlicher Organismen verhindern.“

Im Gegenteil gibt es Hinweise darauf, dass die manipulierten Pflanzen der Umwelt schaden. Die Konzentration auf wenige genmanipulierte Pflanzen reduziert zum Beispiel den natürlichen Genpool, und die Pestizide und Düngemittel, die zusammen mit diesen Pflanzen genutzt werden (müssen), schädigen langfristig die Böden und der Umwelt. Des Weiteren wurden kürzlich in einer Studie weitere Indizien dafür bekannt, dass genetisch veränderte Pflanzen, in diesem Fall Genmais, auch Gesundheitsschäden beim Menschen verursachen könnten. Die Erd-Charta ist in der vorliegenden Fassung nicht prinzipiell gegen Gentechnik in der Landwirtschaft, jedoch bestehen nach wie vor nicht unbegründete Zweifel and ihrer Unschädlichkeit.

Art. 6a: „Aktiv werden, um die Möglichkeit schwerer oder gar irreversibler Umweltschäden zu verhindern, auch wo wissenschaftliche Kenntnisse fehlen oder keine abschließende Risikoanalyse zulassen.“

Das Vorsorgeprinzip der Risikoanalyse wird hier jedenfalls, auch nach Ansicht unabhängiger Experten, grundsätzlich verletzt. Dies wiegt umso schwerer, da die Schäden durch gentechnisch verändertes Saatgut tatsächlich nie wieder rückgängig zu machen wären, wenn sie sich mit anderen Pflanzen kreuzen und unkontrolliert fortpflanzen. Auch in Deutschland wird für ein neues Versuchsfeld mit Gen-Weizen nur ein Sicherheitsabstand von 50 Metern zu den umliegenden Feldern vorgesehen, obwohl eine Übertragung, laut umweltinstitut.org bis 1.000 Meter weit möglich ist. Letzten Endes ist ein Gen, welches sich unkontrolliert und „viral“ ausbreitet, eine öffentliche und keine private Angelegenheit und daher sollte hier auch die subjektive Risikowahrnehmung der Bürger ernst genommen werden.

Art. 10b: „Die intellektuellen, finanziellen, technischen und sozialen Ressourcen der Entwicklungsländer steigern und sie von drückender Schuldenlast befreien.“

Dr. Vandana Shiva geht sogar noch einen Schritt weiter und nennt die Strategie dieser Konzerne eine neue Form des Kolonialismus. Sobald die Unternehmensvertreter einen Bauern überredet hätten, gentechnisch verändertes Saatgut anzubauen (im Bereich Baumwolle hat der größte Hersteller gentechnisch veränderten Saatguts mittlerweile eine Monopolstellung inne), lägen sie den, meist ungebildeten und uninformierten Bauern nahe, ihr altes Saatgut abzugeben, denn das bräuchten sie ja nun nicht mehr. Die Abhängigkeit vom Unternehmen ist damit vorprogrammiert. Sollte das stimmen, werden hier die Ressourcen der indischen Gesellschaft vorsätzlich reduziert, sowie Abhängigkeit und Schulden vorangetriegen. In diesem Zusammenhang wird seit längerem ein auffallender Zusammenhang zwischen dem Anbau von gentechnisch veränderter Baumwolle und der Selbstmordrate von Bauern beobachtet.

Läuft die „grüne Gentechnik“ also grundsätzlich den Geboten einer nachhaltigen Entwicklung für Mensch und Natur zuwider, oder ist sie ein hilfreiches Mittel zur Bekämpfung des Hungers, sobald ihre Unschädlichkeit und Effektivität durch verlässliche Langzeitstudien belegt und ihre Verwendung demokratisiert würde? Aber wie könnte das erreicht werden? Eine sichere, demokratische und gerechte grüne Gentechnik scheint angesichts der beschriebenen Probleme in ziemlich weiter Ferne zu liegen. Sollten wir daher nicht eine ausdrückliche Ablehnung grüner Gentechnik in die, mittlerweile auch schon zwölf Jahre alte, Erd-Charta aufnehmen? Diese generelle Ablehnungs-Haltung könnte allerdings ein Überspringen neuer Strömungen wie der Occupy-Bewegung auf die grüne Gentechnik verhindern - bis jetzt ist es jedenfalls (bis auf unbekannte Ausnahmen) nicht passiert. Occupy fordert nicht die Abschaffung des Geldes, sondern dass es dem Menschen dient. Das erscheint kaum weniger utopisch als bei der grünen Gentechnik, aber vielleicht sind ja gerade in Zeiten der Lethargie solche Utopien wichtig?

Von: FB

Kommentare

Anzeige: 1 - 2 von 2.
 

Mittwoch, 31-10-12 09:40

Yeah that's what I'm tkailng about baby--nice work!

 

Ulrike aus Hardegsen

Mittwoch, 24-10-12 15:53

Die industrielle Landwirtschaft zu der auch die "grüne" Gentechnik gehört, erzielt aus einer eingesetzten Kalorie drei. Das wird in Anbetracht des Klimawandels nicht reichen um 2050 9 Mrd. Menschen zu ernähren. Dafür werden wir eine ausgefeilte,lokal angepasste ökologische Landwirtschaft mit sehr viel höherer Effektivität brauchen. Wer wissen möchte, wie das geht dem sei der Film "Zukunft pflanzen" von Marie-Monique Robin. Er wird am Dienstag, 30. Oktober 2012, 10:35 und Donnerstag, 8. November 2012, 14:10 auf RTL ausgestraht und ist unter http://videos.arte.tv/de/videos/die-zukunft-pflanzen--6985970.html auch im Internet einzusehen.

 
 

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