Die Erd-Charta wird 20 Jahre

Wie wir das Jubiläumsjahr trotz Corona-Ausnahmesituation feiern
» mehr Info

Sprechen, spielen, schreiben: Wege der Klimakommunikation

initiativ 158 erschienen
» mehr Info

Freude - Feuer - Lebensfeier: Kunst- und Kulturfest zur Erd-Charta

Am 8. August 2020 in Düsseldorf
» mehr Info

Jetzt anmelden! Erd-Charta-Austausch 2.0

Virtueller Gesprächsabend am 26. August
» mehr Info

Spiel mit! "Stadt-Land-Gemüse" und "Erd-Charta-Spiel"

Spieleabende am 8. September und 2. Oktober 2020 in Wethen zum Hessischer Tag der Nachhaltigkeit
» mehr Info

Festlicher Erd-Charta-Flohmarkt

Am 13. September 2020 in der Vitopia-Gemenschaft Magdeburg
» mehr Info

» News-Archiv
» Veranstaltungen

 

 

Selbstverpflichtung im Wandel

Das Beispiel Transition-Town zeigt als gemeinschaftliche Selbstverpflichtung eine neue Ebene zur Realisierung der Erd-Charta auf

Seit ein paar Wochen gibt es bei uns im Büro ein neues Gesprächsthema: Wird die Erd-Charta-Stadt Warburg jetzt auch Transition-Town? Passt das zusammen? Wird nicht das eine das andere vereinnahmen? Und werden diese Stadttitel in letzter Zeit nicht inflationär? Ich bin der Meinung: Es gibt seit kurzer Zeit einen stark steigenden Trend zu kollektiven Selbstverpflichtungen (Als Beispiele sind etwa Transition-Town/Stadt im Wandel, Fair-Trade-Stadt, Community Supported Agruculture/solidarische Landwirtschaft, Total-E-Quality-Institutionen, sowie der allgemeine Trend zur Corporate Social Responsibility/CSR zu nennen, die in den letzten ca. 5 Jahren allesamt vermehrt öffentlich diskutiert werden) und genau daran wird deutlich, dass die Erd-Charta-Bewegung auf die nächste Stufe ihrer Verwirklichung gehoben werden könnte.

Manch eine(r) erinnert sich – Mitte der 70er Jahre begann sich eine Gruppe von Leuten zusammenzufinden, die eine persönliche „Selbstverpflichtung“ unterzeichneten. Diese Leute bilden heute den Kern der Ökumenischen Initiative Eine Welt. Als sie 2001 die deutsche Koordinierungsstelle für die Erd-Charta wurde, war klar, dass sie eine „bottom-up“-Strategie fährt, das heißt, die Erd-Charta zuerst auf Verhaltensänderungen jedes Einzelnen setzen und dann nach und nach Regulierungen für größere Zusammenschlüsse von Menschen anstoßen würde, an dessen Ende vielleicht irgendwann eine Ratifizierung durch die Staatengemeinschaft steht. Aber eins nach dem anderen.

Erd-Charta-Prinzip 12c; Baucontainer als Gemüsegärten

Foto: Erd-Charta-Prinzip 12c (Quelle: picturesofsuccess.org / Global Generation)

Das Handwerkszeug für die Umsetzung der persönlichen Selbstverpflichtung ("gesprächsbereit", "solidarisch", "einfach" und "umweltgerecht leben") sind im Wesentliche die Aneignung von Konfliktlösungskompetenzen, politische Beteiligung und ein ethisches Einkaufsverhalten. Letzteres ist mittlerweile dank zahlreicher Bio-Siegel relativ einfach geworden und auf der politischen Ebene ist der nachhaltige Lebensstil mittlerweile auch relativ stark repräsentiert – ein Erfolg! Also hat die Erd-Charta-Bewegung sich 2006 auf neues Terrain gewagt: Mit München wurde die erste Erd-Charta-Stadt ausgezeichnet – vielleicht die erste kollektive Selbstverpflichtung im Sinne der Erd-Charta in Deutschland. Das ganze hat aber einen Haken: Während die persönliche Selbstverpflichtung von den meisten als sehr verbindlich angenommen wurde, ist das für größere Gruppen wie Städte eher weniger der Fall. „Die Erd-Charta ist sehr allgemein. Um gemeinsam die Stadt zu verändern und die Erd-Charta zu konkretisieren, wollen wir jetzt eine Transition-Town-Initiative gründen“ berichtet ein Aktiver. Die prosperierende Transition-Town-Bewegung liefert ein mögliches Handwerkszeug für die kollektive Selbstverpflichtung: Einen neuen, (mindestens teilweise) wissenschaftlich fundierten Ansatz vom Umgang mit Ökosystemen (Permakultur), der auf das Gesellschaftssystem übertragen wird, die Überwindung des ökologischen Kollapses verspricht und einen sehr konkreten Rahmen für gemeinsames Handeln bietet. Natürlich bei weitem nicht den einzig möglichen.

Ich lese mir die Ziele der Transition-Town-Initiative durch, hole mein Exemplar der Erd-Charta hervor und mache – voilá – in Gedanken einen Haken an Abschnitt 7:

„Produktion, Konsum und Reproduktion so gestalten, dass sie die Erneuerungskräfte der Erde, die Menschenrechte und das Gemeinwohl sichern.“ Im Einzelnen wird in diesem Abschnitt Recycling, Energieeffizienz, bessere Umwelttechnik und materieller Suffizienz gefordert – alles Themen, die bei der Transition-Town-Initiative konkret umgesetzt werden sollen.

Erd-Charta-Prinzip 7a; bunte Bänder aus Recycling-Materialien geflochten

Foto: Erd-Charta-Prinzip 7a (Quelle: picturesofsuccess.org / howies)

Aber halt, ist das nicht eine Vereinnahmung der Transition-Town-Idee durch die Erd-Charta? Ich sage: Nein, es ist viel mehr eine Symbiose! Interessanterweise empfiehlt die Transition-Town-Initiative, in den Vereinssatzungen der einzelnen Gruppen explizit die „Unterstützung der UN-Menschenrechtscharta“ festzuschreiben, „so dass extreme politische Gruppierungen, die Diskriminierung als einen Kerngedanken haben, nicht in den entscheidungstreffenden Organen der Transition Initiative mitwirken können.“ So, wie die Erd-Charta eine offene Flanke hinsichtlich der konkreten Umsetzung hat, hat die Transition-Town-Initiative die ihrige bei der Begründung einer gemeinsamen ethischen Basis für die Gruppen. Die Erd-Charta hat hier in einem bekanntermaßen mühsamen und langen Prozess folgende Standpunkte entwickelt:

1b: „Das Vertrauen bekräftigen in die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen und in die intellektuellen, künstlerischen, ethischen und spirituellen Fähigkeiten der Menschheit.“

12: „Am Recht aller – ohne Ausnahme – auf eine natürliche und soziale Umwelt festhalten, welche Menschenwürde, körperliche Gesundheit und spirituelles Wohlergehen unterstützt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Rechten von indigenen Völkern und Minderheiten.“

Bei so viel kollektiver Selbstverpflichtung droht scheinbar auch schnell die totale überregulierung. Die Transition-Towns haben ihre Regeln der Permakultur, die CSR-Experten seit 2010 ihre ISO 26000 und wann wer Fair-Trade- oder Total-E-Quality-Institution ist, ist auch klar beschrieben. Aber de facto ist unser Alltag ja schon lange hoch reguliert, wir kamen nur oft gar nicht mehr auf die Idee, eigene Regeln zu entwickeln und in Modellgruppen auszuprobieren. Das hat sich geändert. Vielleicht sind Regeln derzeit die Sprache, die der Mensch am besten versteht, der Punkt, an dem man Leute am besten abholen und für neue Erfahrungen öffnen kann.

Von: FB

Kommentare

Keine Einträge

Keine Einträge im Gästebuch gefunden.

Kommentar abgeben

Ins Gästebuch eintragen

 

nach oben