Die Erd-Charta wird 20 Jahre

Wie wir das Jubiläumsjahr trotz Corona-Ausnahmesituation feiern
» mehr Info

Sprechen, spielen, schreiben: Wege der Klimakommunikation

initiativ 158 erschienen
» mehr Info

Freude - Feuer - Lebensfeier: Kunst- und Kulturfest zur Erd-Charta

Am 8. August 2020 in Düsseldorf
» mehr Info

Jetzt anmelden! Erd-Charta-Austausch 2.0

Virtueller Gesprächsabend am 26. August
» mehr Info

Spiel mit! "Stadt-Land-Gemüse" und "Erd-Charta-Spiel"

Spieleabende am 8. September und 2. Oktober 2020 in Wethen zum Hessischer Tag der Nachhaltigkeit
» mehr Info

Festlicher Erd-Charta-Flohmarkt

Am 13. September 2020 in der Vitopia-Gemenschaft Magdeburg
» mehr Info

» News-Archiv
» Veranstaltungen

 

 

Sind wir Umweltethik?

Die Erd-Charta soll in Zukunft vor allem mit dem Begriff "Umweltethik" verbunden werden - einer Disziplin auf ihrem Weg zur Professionalisierung.

Wie die meisten anderen Organisationen standen auch wir kürzlich vor dem Problem der Suchmaschinenoptimierung unserer Website. Die Ratgeber zu diesem Thema legen nahe, den gesamten Internetauftritt auf ein bis zwei Kernbegriffe zu spezialisieren. Wow, eine Herkulesaufgabe, wo doch schon die Formulierung der Überschriften für die 16 Hauptartikel der Erd-Charta schwierig genug war. Die Wahl fiel schließlich auf den Begriff „Umweltethik“. Aus diesem Anlass möchte ich gerne diskutieren, was „Umweltethik“ eigentlich ist.

Als feststehender Begriff ist uns die Umweltethik vor allem durch eine seit längerem bestehende Kooperation mit der „Arbeitsgruppe Umweltethik“ der Uni Greifswald bekannt. Akademisch ausgedrückt geht es dort um „Angewiesenheitsargumente, eudaimonistische Argumente, Verpflichtungen gegenüber zukünftigen Generationen, sowie eine kritische Würdigung nicht-anthropozentrischer Konzeptionen.“ (siehe Website der Arbeitsgruppe) Konkret beschäftigen sie sich unter anderem mit Landnahme, Fleischkonsum oder den Schutz von Sumpfgebieten. Die Arbeitsgruppe gibt es schon seit 1997, stand aber bis vor kurzem im akademischen Umfeld ziemlich einsam da.

Haben wir die Erd-Charta Website also auf einen randständigen Nischenbegriff spezialisiert? Was wir zum Zeitpunkt unserer Begriffsentscheidung noch nicht wussten, ist, dass erst 2008 ein kompletter Masterstudiengang namens „Umweltethik“ an der Uni Augsburg angelaufen war und 2012 eine Professur für „Philosophie und Ethik der Umwelt“ an der Uni Kiel eingerichtet wurde, wofür dann auch direkt der bisherige Professor für Umweltethik aus Greifswald nach Kiel abgeworben wurde. Selbst der Papst betonte 2008 in einer öffentlichen Ansprache, eine „Umweltethik“ sei notwendig und die EKD behandelt sie als Unterbegriff der „Bioethik“ auf ihrer Website, wobei der Begriff dort im Wesentlichen Umweltschutz und Landwirtschaft meint und sich von der medizinischen Ethik und der Tier-Ethik abgegrenzt wird. Impulse zur Verbindung von Umwelt und Ethik kommen auch aus einer ganz anderen Ecke, in der Weiterbildung zum/r Permakultur DesignerIn, die von der 2008 gegründeten „Gilde“ der Permakultur-Akademie angeboten wird. Sie ist eine Art vorläufiger Berufsverband der Permakultur-Designer – dieses eigenständige Berufsbild soll zeitnah eingeführt werden. Kurz: Ich glaube, Umweltethik liegt im Trend.

Aber was sollen all diese Studenten der Umweltethik dann konkret tun, wenn sie fertig sind? Die Uni Augsburg schlägt ihren Umweltethikern eine Arbeit in den Bereichen CSR, Unternehmensberatung und ökologisch orientierte Öffentlichkeitsarbeit für Unternehmen, NGOs, Schulen, Parteien, Kirchen und Verbände vor. Die Permakultur-Akademie nennt die Bereiche Gärtnern, Freiraumplanung und Umweltbildung, da die Ausbildung aber staatlich nicht anerkannt ist, dürfte für die meisten die Motivation eher, jenseits des Berufslebens, der genannte „persönliche Transformationsprozess in ihrem Leben […] hin zu mehr Eigengestaltung und einer zukunftsfähigen Lebensweise“ sein. Passenderweise schreibt ein Wikipedia-Autor im Artikel zur wissenschaftlichen Disziplin der Umweltethik: „Die Umweltethik ersetzt damit [mit ihrer politisch-rechtlichen Begründungsfunktion] aber keine sozialen und aktiven Bewegungen und würde ohne diese einem isolierten Spezialdiskurs gleichkommen.“ 

Foto: Oromo Coffee Company als Beispiel für Erd-Charta-Prinzip 8b (Quelle: picturesofsuccess.org / Jon Super)

Der Trend scheint deutlich zur Umweltethik als erlernbaren Beruf zu gehen. Und ein prüfender Blick in die gute alte Erd-Charta zeigt schnell, dass sie genau diese Entwicklung fördert. Dort geht es nämlich vorrangig um die Gestaltung der internationalen Politik, der Weltwirtschaft und der Bildungssysteme – und dafür braucht es in unserer komplexen Welt durchaus spezialisierte, professionelle Berufs-Umweltethiker. (zum Beispiel Artikel 8: „Das Studium ökologischer Nachhaltigkeit vorantreiben und den offenen Austausch der erworbenen Erkenntnisse und deren weltweite Anwendung fördern.“) Umso erstaunlicher ist es, dass wir mit der Erd-Charta, für mein Empfinden, ganz und gar nicht einen „isolierten Spezialdiskurs“ führen – bitte berichtigt mich, wenn ihr anderer Meinung seid. Das könnte daran liegen, dass es neben all den quasi-rechtlichen und politischen Forderungen hier und dort im Text Formulierungen gibt, die das ganz persönliche Leben des Einzelnen und seine Einstellungen ansprechen:

Artikel 1a: „Erkennen, dass alles, was ist, voneinander abhängig ist und alles, was lebt, einen Wert in sich hat, unabhängig von seinem Nutzwert für die Menschen.“

Artikel 9c: „Die Unbeachteten achten, die Verwundbaren schützen, den Leidenden dienen und ihnen ermöglichen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und ihre Ziele zu verfolgen.“

Artikel 12c: „Die jungen Menschen in unseren Gemeinschaften achten und unterstützen, damit sie ihre unverzichtbare Rolle beim Aufbau nachhaltiger Gesellschaften erfüllen können.“

Artikel 16f: „Anerkennen, dass Frieden die Gesamtheit dessen ist, das geschaffen wird durch rechte Beziehungen zu sich selbst, zu anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebewesen, der Erde und dem größeren Ganzen, zu dem alles gehört.“

Foto: Aung San Suu Kyi als Beispiel für Erd-Charta-Prinzip 16f (Quelle: picturesofsuccess.org / World Economic Forum)

"Erkennen", "achten", "beachten", "Anerkennen" - da kann, wie ich aus eigener Erfahrung meine behaupten zu können, Studium und Ausbildung nur bedingt weiterhelfen. Was ist das, was unsere persönliche Umweltethik aus der fachlichen Nische in das alltägliche Leben holt? Und woher nehmen wir die Kraft, nofalls auch ohne bezahlten Job oder im Extremfall sogar unter Schikanierung eine Ethik zu verfolgen, die wir uns zu eigen gemacht haben? Das projekt picturesofsuccess.org hat dem zitierten Artikel 16f das Gesicht von Aung San Suu Kyi gegeben. Sie ist bestimmt auch eine gute Inspiration, um über gelebte Konsequenz und Authentizität in der Umweltethik nachzudenken.

Von: FB

Kommentare

Anzeige: 1 - 1 von 1.
 

Ulrike

Montag, 28-01-13 20:25

Die Beschäftigung mit der Erlangung von Aufmerksamkeit (und Geld) treibt manchmal schon komische Blüten.
1. Will die Erd-Charta gleichzeitig Ethik und Vision sein.
2. Bezieht sich die Erd-Charta auf das gesamte Leben und dazu gehören dann eben genauso Themen wie Gleichberechtigung und Demokratie - und die kriege ich mit Umwelt(ethik) nicht zusammen.
3. Die Erd-Charta geht eher vom einem Miteinander der Geschöpfe aus und so von einer Mitwelt für andere Geschöpfe - so auch für den Menschen aus. Den antroprozentrischen Begriff der Umwelt versucht sie zu vermeiden.

 
 

Kommentar abgeben

Ins Gästebuch eintragen

 

nach oben