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am 29. Juni 2017
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Klimagerechtigkeit - ein Erd-Charta-Wochenende

vom 30.06.2017 - 02.07.2017 im Erd-Charta Seminarhaus Deinsdorf, Oberpfalz
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Mobilität: gestern - heute - für die Zukunft

Tag der Sollingbahn am 20. August 2017 in Hardegsen
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Auf der Suche nach dem Erd-Charta Schatz

in Steinheim/Westf. am 23. August 2017 um 14:00 Uhr
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"etwas (er)schaffen"

Echt-Zeit auf dem Sonnenhof bei Halle vom 1. - 3. September 2017
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Auf der Suche nach der Tiefe und Weite der großen Transformation

Jahreswendetreffen vom 28. Dezember 2017 bis 1. Januar 2018 auf Burg Bodenstein
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Erd-Charta Blog

Keine Castortransporte auf dem Neckar

Tag X vermutlich ab 26. Juni 2017
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Anti-AKW-Menschenkette

25. Juni von Tihange nach Aachen
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Afghanistan ist nicht sicher

Protest-Aktion von PRO ASYL
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Keine Panzer für Erdogan!

Campact-Aktion
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Die Wirtschaft zur Vernunft bringen

Politisches Winterseminar vom 11. - 13. November 2016 auf Burg Bodenstein
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Transition Theater: Raum für Dialog und neue Beziehungen

Gespräch mit dem Marburger Theaterpädagogen Dominik Werner

Als Kooperationsprojekt zwischen der Erd-Charta und Theater Gegenstand haben Ende 2013 vier interaktive Transition Theater-Abende in Marburg stattgefunden. Initiator und Leiter des Projekts war der 31jährige Dominik Werner, der in Marburg Bildung für nachhaltige Entwicklung, Friedens- und Konfliktforschung und Theaterpädagogik studiert hat und heute  freiberuflich in diesen Bereichen tätig ist.
Erd-Charta Bildungskoordinatorin Kerstin Veigt sprach mit Dominik Werner über das Transition Theater.

Was sind die Hintergründe dieses Projekts?

Im Jahr 2006, gegen Ende meines Pädagogikstudiums, lernte ich das Forumtheater kennen. Es ist eine der bekanntesten Methoden aus dem „Theater der Unterdrückten“ von Augusto Boal. In meiner Theaterarbeit bin ich sehr inspiriert von David Diamond, einem Schüler von Boal,  und seinem „Theater zum Leben“.  Eine solche interaktive Theaterabendreihe wollte ich bereits seit zwei Jahren umsetzten. Und in der Kooperation zwischen der Erd-Charta-Koordination und dem freien Theaterverein Theater Gegenstand war es dann im Winter möglich, diese Ideen exemplarisch umzusetzen.

Du hast die Reihe als „interaktive Theaterabende für eine enkeltaugliche Kultur?“ angekündigt - was meint das?

Es ist der Versuch, einen anderen Begriff zu finden, der mehr das Herz als den Kopf anspricht. „Nachhaltigkeit“ - der Begriff ist sehr verkopft, wird für alles und von jedem verwendet und bleibt auch meist abstrakt. Ich glaube es geht aber angesichts von ökologischen, sozialen und persönlichen Krisen eben genau darum auch ins fühlen und wahrnehmen zu kommen. Es ist vielleicht leichter wenn wir uns klarmachen, dass es bei dem Begriff der Generationengerechtigkeit um die Lebenschancen von unseren Enkeln und deren Enkeln geht. Da bekommt die Frage nach Zukunftsfähigkeit für viele Menschen plötzlich konkrete Gesichter.
Der erste Abend war zum Beispiel dem Thema Klimawandel und der Frage was uns im Alltag davon abhält unser Verhalten und unseren Lebensstil wirklich grundlegend zu verändern gewidmet? Dabei wurde vor allem unsere Abhängigkeit von unserem Lebensstil einerseits und die Ohnmacht der einzelnen so deutlich sichtbar. Da konnten wir an einer konkreten Geschichte aus dem Alltag selbst erleben, was die Umweltbewusstseins-Studien seit Jahren sagen: Die Diskrepanz zwischen unserem Umweltbewusstsein und dem Umwelthandeln ist riesig. Die Verdrängungsmuster  „nicht hier, nicht jetzt, nicht ich!“ wurden an diesem Theaterabend sehr deutlich sichtbar, dann aber auch gemeinsam spielerisch überwunden und verändert!

Warum arbeitest du zu solchen Themen mit Theater? Was ist das besondere daran und wie läuft das ab?

Das für mich besondere ist, über interaktives Theater einen Raum für Dialog zu schaffen – einen Dialog mit sich und den Anderen. Dazu lade ich mit einer Frage zu einem Thema ein, dass uns als Menschen gemeinsam beschäftigt.
Die Abende beginnen ohne Stück, Schauspieler oder Texte. Es gibt mich als Gastgeber, die leere Bühne und ein Publikum. Ich lade dann nach einer Einleitung dazu ein, dass drei Menschen aus dem Publikum eine eigene reale Geschichte zu der Fragestellung des Abends erzählen. An solch einem Abend eine Geschichte zu erzählen ist wie der Gruppe ein Geschenk zu machen. Es ist die Einladung mit dieser echten, authentischen Geschichte gemeinsam zu erkunden was uns als Menschen zu dem Thema beschäftigt. Es geht nicht so sehr um den Menschen der eine Geschichte erzählt hat, sondern viel mehr um uns Menschen in solchen Momenten in unserem Leben. Es geht um das Allgemeine hinter dem Speziellen. Was dabei passiert, ist dass wir uns selbst in den Geschichten der Anderen wieder erkennen. Wir sind gar nicht so verschieden, wie wir immer glauben und in unserem Nicht-darüber-Reden im Alltag auch ständig reproduzieren.
Auf dem Flyer war der erste Satz: „Theater ist die älteste Sprache der Menschheit.“ Diese Theaterabende sind ein Gemeinschafts-Raum, in dem Beziehungen, Vertrauen und Nähe entstehen kann. Am Anfang ist die Bühne leer. Und wenn niemand mitmachen will bleibt das auch so. Die Menschen erfahren sich dann aber als Gestaltende und als Intervenierende! Es gibt zahlreiche Möglichkeiten sich einzubringen, auf die Bühne zu kommen, mit zu spielen, Ideen auszuprobieren und gemeinsam zu erkunden wie wir destruktive Muster von Haltungen und Verhalten verändern können. Das ist vielleicht auch der entscheidende Unterschied zur konsumierten Kultur. Es ist ein partizipativer Abend der erst durch die gemeinsame Interaktion entsteht. Ein solcher Abend geht weit über das gesprochene Wort hinaus. Es ist ein gemeinsamen von- und miteinander lernen, das von innen heraus entsteht, das wirklich berührt, und über den Kopf hinaus sprichwörtlich unter die Haut gehen kann. Und das auch für alle die den ganzen Abend im Publikum sitzen bleiben und zuschauen. Alle Beteiligung ist immer absolut freiwillig!

Zwei Abende waren dem Thema Zeit und Zeitlosigkeit gewidmet. Scheinbar ein Thema das dir wichtig ist. Welche Fragen interessieren dich daran?

Ganz persönlich kenne ich das Gefühl mich ständig wie in einem Hamsterrad zu fühlen sehr gut. Es ist als müssten wir alle immer schneller laufen, nur um auf der Stelle stehen bleiben zu können. Eine meiner Fragen war wie sich das auf unsere zwischenmenschlichen Begegnungen und Beziehungen untereinander auswirkt. Und das ist eine Frage dich mich natürlich auch selbst, ganz persönlich  bewegt und beschäftigt. Ich mache diese Abende auch weil mich die Themen und Fragen selbst interessieren.

Inwiefern hast du dich bei diesem Thema auch auf Michael Endes Buch „Momo“ bezogen?

Die Geschichte von „Momo“ ist für mich eine wunderbare Metapher für die Konsequenzen der Wachstumsideologie und die Auswirkungen auf eine soziale Gemeinschaft. Und aufgefallen ist mir dann eine Stelle, an der ich gerne anknüpfen wollte. Die grauen Herren können in der Geschichte nur dann  ungestört wirken, solange sie unentdeckt bleiben! Daher habe ich die Theatermethode „Polizist im Kopf“ von Augusto Boal verwendet, dabei aber speziell nach den Stimmen der grauen Herren in unseren Köpfen gefragt. Wie lauten die Stimmen in uns, die uns immer wieder erzählen, dass wir keine Zeit haben, dass wir Zeit sparen müssen, dass wir es uns jetzt gerade nicht leisten können das zu tun, was für uns, für andere Menschen oder auch die ökologischen Systeme gesünder oder einfach besser wäre...? Wer hält uns denn davon ab und wo kommen diese kulturellen Überzeugungen her?
Ich beziehe mich dabei auch viel auf Fragen, die aktuell unter den Begriffen Postwachstum oder degrowth thematisiert werden. Wie sieht eine  Gesellschaftsform aus, die die ökonomische Wachstumslogik überwunden hat? Niko Paech nennt in seinen Büchern und Vorträgen immer wieder Zeit als die knappeste Ressource in der industriellen Wachstumsgesellschaft. Hartmut Rosa thematisiert Be- und Entschleunigungsprozesse im gesellschaftlichen Wandel. Harald Welzer fragt wie auch die Zeitknappheit im Zuge der Industrialisierung zu einer mentalen Infrastruktur wurde.
Ich denke, wenn es darum geht, einen großen Wandel zu gestalten, muss sich unsere Beziehung zur Zeit grundlegend verändern. Die Systemtheoretikerin Joanna Macy, von der ich viel gelernt habe, spricht von „Tiefenzeit“. Wir aber leben heute, als hätte unser Leben nichts mit der Kette der vorher und nachher existierenden Generationen zu tun. Wir leben wie in einem Zeitkäfig, wie in zu engen Hamsterrädern. Und es braucht ja auch Zeit, um sich gegen die ökologische Zerstörung und für den Aufbau von alternativer Strukturen, wie zum Beispiel solidarischen Landwirtschaftprojekten zu engagieren. Und gerade für dieses Zeitthema, dass uns irgendwie alle betrifft, scheint die Theaterarbeit ein geeignetes Medium zu sein, um uns gemeinsam darüber auszutauschen und dabei unsere Beziehungen zu den grauen Herren in uns und damit auch unseren Umgang mit Zeit zu verändern. 
Und da ist auch ein weiterer Bezug zur Erd-Charta. Aus dem indigenen Wissen oder auch der Quantenphysik können wir lernen, die Welt als Geflecht von Beziehungen lebender Organismen zu verstehen. Das finde ich wichtig am Weltbild der Erd-Charta: Die Heiligkeit der Welt, die sie ausdrückt, die Verbundenheit allen Lebens. Insbesondere bei den Interventionen zu den „grauen Herren in uns“ wurde deutlich, dass es nicht unbedingt darum geht, gegen diese Stimmen im Kopf und die Gewohnheiten zu kämpfen, sondern vielmehr die Beziehungen zu verändern, um Verhaltensweisen und verinnerlichte gesellschaftliche Strukturen verändern zu können. Der innere und der äußere Wandel sind eng miteinander verzahnt. Ein Individuum schenkt der Gruppe seine Geschichte. Doch was ist das Allgemeine daran? Und am Ende des Abends steht dann die Frage für alle: „Wofür hat es mich sensibilisiert, und was mache ich jetzt damit?“

Wofür hat diese Theaterreihe dich sensibilisiert? Was machst du selbst jetzt damit und was wünscht du dir für das begonnene Jahr 2014?

Ich habe wieder und wieder erlebt wie wohl ich mich selbst dabei fühle solche Räume zu eröffnen. Ich liebe es die Geschichten einzuladen, die Menschen beim  Spielen, Erkunden und Verändern zu erleben.  Letzteres ist ganz wichtig! Die Geschichten müssen ja nicht so bleiben! Wir können sie verändern!  Da wird das Theater zum Proberaum für die Revolution, für die Transformation von Menschen und gesellschaftlichen Strukturen. Und dabei hat mich besonders die Offenheit der Teilnehmenden berührt.
Daher möchte ich die Reihe mit interaktivem Transition Theater im Sommer gerne  fortsetzen. Es wird zahlreiche weitere Termine in Marburg und in diversen anderen Städten, an Tagungen, Symposien etc. geben. Für den Internationalen Postwachstum-Kongress vom 2. – 6. September 2014 in Leipzig möchte ich gerne über Theaterworkshops ein Forumtheaterstück vorbereiten, mit dem dann eine noch zu gründende Marburger Gruppe auch danach weiter auftreten können! Die Zeit ist reif dafür und ich fühle mich gut vorbereitet! Los geht´s!

Zum Weiterforschen:
Webseite von Dominik Werner: www.dominikwerner.net
Lesetipp: David Diamond:  „Theater zum Leben. Über die Kunst und die Wissenschaft des Dialogs in Gemeinwesen.“ Ibidem Verlag
Der internationale degrowth-Kongress in Leipzig: http://leipzig.degrowth.org/en/stream-towards-degrowth/

Foto: privat
Grafik: artwork
Quelle: ungekürzte Fassung des Interviews aus initiativ 138 vom März 2014

 

 

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